Vatersuche
du hast mich nie in deinen am genommen,
mich nie begleitet - nie geschützt.
du weißt nicht einmal, daß ich lebe.
spät mache ich mich auf die suche nach dem unbekannten
teil in mir, den ich so oft verleugnen mußte.
ich - die nach dir nicht fragen sollte,
weil ich als „kind der schande“ galt,
vermisse dich so schmerzlich - immer wieder neu.
kriegswinter ’44 - der letzte schlesische winter.
die tänzerin aus breslau - und der maler aus charkow.
eine liebe, die verboten war,
weil feinde sich nicht lieben dürfen.
hildegard und wassili -
zwei harmlose menschen in der blüte ihres lebens
wurden zu „gesetzesbrechern“,
weil sie den mut zur liebe hatten.
heimliche treffen zwischen gefangenenlager
und zugewiesenem arbeitsplatz.
die schlesische frau und der slawische „untermensch“
jeder zeuge konnte tödlich sein!
eine winterliebe, die respekt verdient
und für die nachwelt ein exempel, daß starke herzen
keine grenzen kennen, die von herzlosen
menschen errichtet wurden.
junger maler aus der ukraine mit der aufschrift „ost“
auf deiner arbeitskleidung - für mich bleibst du immer jung,
weil du in mir weiterlebst und die sehnsucht hört nie auf.
bin immer noch ein halber baum, der nur halb geerdet ist,
weil mir zur and’ren hälfte hin die wurzeln fehlen.
wo kann ich diese finden, um ein ganzer baum zu werden?
fremd geblieben - im eigenen land - mach ich mich rückwärts
auf die reise in die vergangenheit.
endlose suche auf einer straße ohne wegweiser, niemand
kann mir sagen, wohin die reise geht
und wo wir uns begegnen können.
stehst du in moskau an der straßenecke
und bettelst um dein essen,
weil dir die rente nicht zum leben reicht?
liegst du verscharrt in einem birkenwäldchen -
nahe der polnischen grenze, wo dir die frau begegnete
die meine mutter ist?
ruhst du in einem massengrab neben einer sintifrau,
die noch im tod ihr kind umarmt,
weil siees lebend nicht mehr schützen konnte?
bist du namenlose asche neben dem rabbiner,
der dich vielleicht bei deinem letzten gang
begleitet und gesegnet hat?
ist der nette alte herr, der mich so freundlich grüßt,
vielleicht dein mörder?
mein frageberg ist über 50 jahre alt
und unter jeder schlacke brennt die frage,
auf die mir niemand antwort gab.
ich lebe hier in einem land, das die damals alles nahm
und mir meinen vater.
doch fühle ich mich nicht mehr leer und arm,
weiß ich docj jetzt, daß ich ein kind
der liebe und der freiheit bin.
© Gerda Bernhardis